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Backflip in Space

Space Soon

Space Soon | 1
Es ist früher Morgen. Langsam schwebt der Raumtransporter zur Orbital-Station. Bis auf 200 Meter nähert er sich seinem Ziel. Lautlos gleiten jetzt beide in knapp 400 Kilometern parallel über der Erde. Kann Stille knistern? Ein kurzer Funkkontakt zwischen den Besatzungen, dann setzt das Raumschiff bei den Klängen des Strauß-Walzers 'An der schönen blauen Donau' zu einem schwerelosen backflip an. Mit seiner tonnenschweren Fracht verharrt das Raumschiff minutenlang in Rückenlage, unter ihm fließen fantastische Wüstenlandschaften dahin. Nach einem 'OK, lets go!' des Station Commanders setzt der Transporter seinen looping fort, und dockt an die Raumstation an.

Schaltet man den sich nun anschließenden schnöden Funkverkehr mit der Bodenstation ab, könnte man weiterhin an eine Szene aus Kubricks Science-Fiction-Klassiker ‘2001: Odyssee im Weltraum’ glauben. Tatsächlich war das ein schon zur Routine gewordener Sicherheitscheck des Spaceshuttles Atlantis kurz vor dem Andocken an die ISS während der STS 115 Mission.

Nach den großen Katastrophen mit Challanger (1986) und Columbia (2003) achtet die US-Raumfahrtbehörde NASA vor dem Start und während des Fluges der alten Raumtransporter-Flotte auf jede Unregelmäßigkeit. 1999 äußerte der damalige NASA-Chef Daniel Goldin noch, wer immer nur nach Sicherheit oder Konsum schiele, sei zum Untergang verurteilt. “Es gibt keine Garantie, dass jeder Astronaut sicher zurückkehrt.” Ein erneuter Zwischenfall würde den Stop weiterer Shuttleflüge bedeuten, und das große internationale Gemeinschaftsprojekt ISS als Relikt der Bemannten Raumfahrt unfertig um die Erde kreisen lassen. Kritiker sehen in dem Prestige-Projekt von Amerikanern, Russen, Europäern, Kanadiern und Japanern und der Bemannten Raumfahrt ohnehin eine zwecklose Geldverschwendung. Jeder Shuttleflug kostet ca. 400 Millionen US-Dolllar, zum Ausbau der ISS sind bis 2010 weitere 16 Flüge notwendig.

Langfristige Forschungsarbeit kann bei der derzeitigen Stammbesatzung von maximal drei Astronauten kaum geleistet werden. Erst mit Einsatz des europäischen Forschungslabors ‘Columbus’ ab 2008 wird diese Aufgabe auf der ISS sinnvoll wahrgenommen werden können. Neben den technischen Schwierigkeiten haben ebenso politische Differenzen den weiteren Ausbau der ISS verhindert, gerade die Bush-Regierung verspricht sich von spektakulären Mars-Programmen eine größere Popularität.

So bescheiden wie der Anteil der Europäischen Raumfahrtbehörde ESA an den Gesamtkosten (8 von geschätzten 100 Milliarden US-Dollar) ist denn auch in Europa die Kritik an diesem Projekt. Dennoch argumentieren auch Befürworter der Bemannten Raumfahrt zunehmend seltener mit dem wissenschaftlichen Nutzen und verweisen auf den kulturellen Auftrag. Die ESA will die ISS “einer neuen Gruppe künstlerischer und kultureller Nutzer zugänglich machen”. Marketing ist bei schwierigen Produkten besonders wichtig, dachte sich die ESA folgerichtig und beauftragte im vergangenen Jahr die Londoner Kulturagentur ‘The Arts Catalyst‘ mit einer sechsmonatigen Studie über die mögliche künftige kulturelle Nutzung der Internationalen Raumstation ISS und insbesondere ihrer europäischen Aspekte. Die Kunst-Szene träumt schon von prächtigen Stipendien im All.

Vorerst müssen sich Künstler und Berateragenturen mit erdnaher Förderung ihrer Aktivitäten zufrieden geben. Das kürzlich von der ESA in London initiierte 5-tägige Kunst- und Wissenschaftsprojekt ‘Space Soon - Art and Human Spaceflight’ kann als erster Output der Studie verstanden werden. Mit dem aufwendigen Space-Event versuchte ‘The Arts Catalyst’ den Traum vom Aufbruch in eine neue, bessere Welt zu beschwören, allein die kleine Schar ausgesuchter Space-Artisten konnte diese Botschaft nicht sinnlich aufladen. Im zweitägigen Symposium durften die Künstler mit den Wissenschaftlern über eine gemeinsame Zukunft nachdenken; an den restlichen Tagen wurden ‘Stargäste’ in das spacige Ambiente des Roundhouse an der Chalk Farm Road eingeladen.

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Laurie Anderson | 2
Der Performancekünstlerin Laurie Anderson gelang es dagegen sofort, das Publikum in ihren Bann zu ziehen. Anderson war 2003 erste Artist-in-Resident der NASA. Nach einigen abgelesenen Fragen des Gastgebers Kodwo Eshun, löste sich Laurie Anderson humorvoll aus der steifen ‘Konversation’. Sie schilderte ihre Eindrücke aus dem NASA-Camp, hatte Wissenschaftler kennengelernt, die behaupteten, es gebe im All aktivere und passivere Teilchen. Die aktiven nennen sie ‘machos’, die passiven ‘whimps’, Weichlinge.

In dem Solo-Programm ‘The End of the Moon’ verarbeitete Anderson ihre vielfältigen Eindrücke während des Gastaufenthaltes bei der NASA. Sie verbindet mit einfachen technischen Mitteln Geschichten und Gedichte mit Liedern und Musik für Geige und Elektronik und wirft einen Blick auf die Beziehungen zwischen Krieg, Ästhetik, dem Wettlauf um die Eroberung des Weltraums, Spiritualität und Konsumdenken. Ihr wiederkehrendes Thema ist dabei die Beziehung zwischen Technologie und Kultur. “Ich finde, heutzutage ist es der beste Weg, mit den einfacheren und schärferen Mitteln der Sprache auf unsere Kultur zu schauen und nicht mittels einer Multimedia-Show,” schilderte Anderson schmunzelnd ihre Intention mit dem Projekt.

Das Wired Magazin bezeichnete Laurie Anderson für ihre differenzierten multimedialen Performance-Aufführungen einmal als ‘America’s multi-mediatrix’. Sie entwickelte nach ‘Happiness’ (2002) mit ‘The End of the Moon’, dem zweiten Teil einer intimen Trilogie, ein Szenario von geplanten Atomexperimenten auf der erdabgewandten Seite des Mondes. Die NASA stellte danach das Artist-in-Residence-Programm ein.

Die Solo-Show ‘The End of the Moon’ wurde erstmals auf der World Expo 2005 in Japan zusammen mit ihrem neuen Film ‘Hidden Inside Mountains‘ gezeigt, seitdem tourt Anderson mit dem Programm. Nächste Termine in Europa sind Mailand (21.09.) und Madrid (11/12.10.).

‘It’s one small step for science but a giant leap for art.’ Die Erforschung der kulturellen Bedeutung des Weltraums endete mit der von Resonance FM gestreamten Abschlussparty unter dem hoffnungsfrohen Titel ‘We Are All Going To Die’. Eine vermutlich mehr auf den ‘outer space’ ausgerichtete, die Faszination des Publikums für Raumfahrt stimulierende Ausstellung eröffnet die ESA Ende September in Mannheim. Für sechs Monate wird das Landesmuseum für Technik und Arbeit in eine temporäre Raumstation verwandelt. Die ersten russischen Module sind bereits gelandet. Abenteuer Raumfahrt – Aufbruch ins All, 28.9.2006-09.04.2007.

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Charles Wilp, Michelangelo WXLP | 3
Aus entfernteren Sphären schmunzelte sicher auch Charles Wilp zu der so verheißungsvoll angetretenen Inszenierung ‘Space Soon’. Für den 2005 verstorbenen Werbeguru und Artronauten musste SpaceArt wie eine Entdeckungsreise sein. Er hatte den Zero G bei Parabelflügen der ESA spüren können. Die Schwerelosigkeit erlebte er wie eine Sinnenfontäne, als die aktuellste Metapher der Gegenwart. “Das Gefühl ist schwierig zu erklären. Sie ist eine neue sinnliche Erfahrung, die bisher nur 700 Menschen im All erlebten, und kann nur durch die Kunst bewusst gemacht werden.”

Charles Wilp führte mit NASA und ESA Gespräche über seine Vision eines ArtModuls ‘Michelangelo WXLP’ an der ISS. “Kunst im Weltraum heißt, sich unterhalten unter Einfluss von orbiteralen Lustgefühlen mit Künstlern, Musikern, Bildhauern, kurz ARTRONAUTEN, die sich mit Weltraumkunst beschäftigen.” Ob irdische Kunst oder SpaceArt, sinnlich aufgeladene Kunstwerke sollten für ihn einen Hauch ‘exorbiterraler Lustgefühle’ versprühen, um die Ökologie unserer Erde besser verstehen zu können.

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Charles Wilp, ZERO G | 4
Für die Zwischenzeit müssen wir uns die Schwerelosigkeit im Rave ertanzen. “Die dabei entfesselte Sinnlichkeit geht in den Allorgasmus über … Man kann in der schwerelosen Phantasie mehr Dinge erleben, als in der Schwere, der Elefantenschwere. Trotzdem - auch diese Schwere wird positiv neu erlebt.”.
No rest no ending.
Charles Wilp wäre heute 74 geworden.

Uwe Haack


links :

www.laurieanderson.com
The End of The Moon Video promo clip (Quicktime 7 erforderlich)
www.wilp
Charles Wilp Feature
www.yurisnight.net

1 | website-screenshot

2 | Laurie Anderson, Roundhouse Promo

3 | ©Charles Wilp, Michelangelo WXLP 1999, courtesy crosx.net

4 | ©Charles Wilp, ZERO G Seven Hills 2000, courtesy crosx.net



Der Artikel ist vorab bei Readers Edition erschienen