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Lohachara Island

Lohachara

Lohachara Island
In der kurzen Geschichte des durch menschlichen Einfluß geförderten Treibhauseffektes erfährt die tropische Insel Lohachara eine zweifelhafte Auszeichnung. Lohachara Island ist die erste bewohnte Insel, die aufgrund des Klimawandels durch die globale Erderwärmung verschwunden ist. Die apokalyptischen Voraussagen von Klimawissenschaftlern beginnen wahr zu werden.

Lohachara ist nach Bedford (auch Suparibhanga genannt, unbewohnt) die zweite Insel, die im westbengalischen Teil der Sundarbans im Hooghly River untergegangen ist. Bereits vor 8 Jahren wurden zwei unbewohnte Korallenriffe von Kiribati in Folge des Klimawandels überflutet. Auf der pazifischen Inselgruppe Vanuatu hat es im Jahre 2005 nach Angaben der UNEP (Umweltprogramm der Vereinten Nationen) bereits die erste Umsiedlung auf höher gelegenes Gebiet aufgrund des Meeresspiegelanstiegs gegeben.

Vanishing Islands
Das Verschwinden von Lohachara ist bisher beispiellos, und hat 10.000 Menschen zur Flucht auf die größere Insel Sagar gezwungen, die bereits 10% (30 km²) ihrer Landfläche verloren hat. Der steigende Meerespiegel und die zunehmende Erosion wird in den kommenden 15 Jahren weitere 12 Inseln im westlichen Teil des 100-Insel-Konglomerats der Sundarbans zerstören und 70.000 Bewohner zur ersten Welle von Umweltflüchtlingen (envirogees) machen.

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Die Sundarbans sind die größten Mangrovenwälder der Erde. Der 1987 von der UNESCO zum Weltnaturerbe erklärte ’Sundarbans National Park’ ist Teil des sensiblen 6.000 km² großen Ökosystems, das im weitverzweigten Mündungsdelta von Ganges und Bramaputra an der Grenze von Indien und Banglasdesh liegt. Der vom Aussterben bedrohte Bengalische Tiger hat hier sein letztes Rückzugsgebiet. Die Sundarbans sind für das Binnenland ein unersetzbarer natürlicher Schutzwall gegen die regelmäßig von Süden heranziehenden tropischen Zyklone.

Die alarmierenden Entwicklungen beschreiben Wissenschaftler der ’School of Oceanographic Studies’ der Jadavpur Universität in Kolkata (früher Kalkutta) als ein Zusammenspiel von steigendem Meeresspiegel, zunehmender Bodenerosion und heftiger werdenden Zyklonen. “Der Meeresspiegel könnte durch den globalen Klimawandel in der Region um 3,5 mm pro Jahr in den kommenden Jahrzehnten ansteigen”, sagte der Direktor Dr. Sugata Hazra in The Telegraph. Der anthropogene Meeresspiegelanstieg beträgt nach Angaben des WBGU insgesamt 20 cm, die globale Rate liegt aktuell bei 3 cm pro Jahrzehnt.

Umweltflüchtlinge
Verschiedenen Szenarien des IPCC-Berichts von 2001 ergaben einen Meeresspiegelanstieg von bis zu 88 cm bis zum Jahr 2100 und 3-5 m bis zum Jahr 2300 bei einer Stabilisierung der Erwärmung bei 3 °C über dem vorindustriellen Wert. Ohne Berücksichtigung von künftigen Küstenschutzmaßnahmen wären bei einem Meeresspiegelanstieg von 2 m im dicht bevölkerten Flussdelta der Sudarbans ungefähr 129 Mio. Menschen betroffen. Mit Dhaka und Kolkata gibt es hier bereits zwei schnell wachsende Megastädte mit mehr als 10 Mio. Einwohnern. Neben Überlegungen zum Küstenmanagement werden parallel auch Szenarien beim Konfliktmanagement erwogen.

Mit der Bedrohung von Küstenregionen und potenziellen Vernichtung ganzer Staatsterritorien durch den klimabedingten Meeresspiegelanstieg entsteht für den WBGU ein neuartiges Migrationsproblem, “dessen rechtliche Dimensionen ausgelotet werden müssen ... Es gibt bereits offizielle Programme, die sich mit dem Problem der Meeresflüchtlinge beschäftigen. Neuseeland hat mit den Regierungen von Tuvalu, Fiji, Kiribati und Tonga innerhalb der ’Pacific Access Category’ Einwanderungsregelungen für deren Bewohner getroffen. Jedes Jahr erhält eine bestimmte Anzahl von Flüchtlingen, deren Status sich direkt aus den Folgen des Klimawandels ergibt, eine Aufenthaltserlaubnis für Neuseeland.”

Die 6-jährigen Studien der ’School of Oceanographic Studies’ wurden im vergangenen Jahr beim ’United Nations Framework Convention on Climate Change’ (UNFCCC) in Nairobi vorgestellt. Dennoch gibt es auch in der Bengalischen Regierung Klimaskeptiker, die die Ergebnisse der JU-Studie nicht mit dem Klimawandel verknüpfen wollen. Atanu Raha, Direktor des Sunderban Biosphere Reserve, hält die Erosion der Inseln für ein natürliches Phänomen durch die ozeanischen Tide-Strömungen, “this is natural.” Folglich gibt es für ihn auch keine ’environgees’. Die meisten von ihnen sind nach seiner Ansicht illegale Einwanderer aus Bangladesch, die sich vor Jahrzehnten auf den Inseln angesiedelt hätten.

Mega Floating City
Im Kontext dieser Gesinnung verwundert es daher auch nicht, wenn die seit drei Jahrzehnten in Westbengalen regierende marxistische CPM (Communist Party of India-Marxist) ein Mega-Ökotourismus-Projekt in den ökologisch fragilen Sundarbans unterstützt, die Schwächsten der Schwachen kriminalisiert, um sie anschließend von ihrem Siedlungsgebiet zu vertreiben.

Die indische Investoren-Gruppe Sahara India Pariwar hat für das ’Sahara Sundarbans Project’, einem joint-venture mit der staatlichen ’West Bengal Tourism Development Corporation’, an 4 Standorten 338 ha Land gekauft. Die Planungen für die gigantische ’Mega Floating City’ sollen sich auf die Absichterklärungen des Weltgipfels für nachhaltige Entwicklung (WSSD) stützen.

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Jambudwip Island | click to view GoogleMaps
Geplant sind 5-Sterne Hotelanlagen auf Sagar Island, in Frazerganj, L-Plot und Kaikhali, 3 ’Floating Hotels’ mit Restaurants, Swimming Pools, klimatisierten Landhäusern, Shopping- und Business-Centern, Helipads und Schiffsanlegern. In high-speed Katamaranen, Luxuslinern, Hoovercrafts und Helikoptern sollen täglich 1.500 Business- und Ökotouristen zum Abenteuerurlaub eintreffen. Insgesamt wird das umstrittene Tourismusprojekt 250 km² der 490 km² des ’Sunderban Biosphere Reserve’ beanspruchen.

In einer ersten nachhaltigen Aktion mussten 10.000 Fischer im März 2003 die zwischen Sangar und Frazerganj gelegene Insel Jambudwip verlassen, ohne die Aussicht, je wieder in ihre Fanggründe zurückkehren zu können. Die Fischer wurden des ’encroachment’, der illegalen Landnahme, beschuldigt. Ihre Hütten und Einrichtungen zum Trocknen der Fische wurden niedergebrannt, seitdem bewacht Sicherheitspersonal der Waldbehörde die Insel. Das staatliche Vorgehen blieb in der Öffentlichkeit nicht unbemerkt und hat Wiederstand geweckt. Sahara Group hat jetzt zugesagt 4-5% des jährlichen Projektgewinns in strukturfördernde Maßnahmen zu investieren, nur glaubt niemand daran.

Die Parabel der ’Zivilisation’
“Das Projekt ist der Tod der Sundarbans” meint Subrata Sinha, der ehemalige stellvertretende Direktor der ’Geological Survey of India’ (GSI). Er befürchtet, dass die gesamte Hydrologie im Mündungsdelta durch die ’Floatels’ verändert wird. Ein geringerer Gezeiten-Ablauf würde zu erhöhten Schlammablagerungen führen und den Salzgehalt im Archipel erhöhen. Die einmalige marine Artenfielfalt von Flusshaien, Flussdelfinen, roten Krebsen, Garnelen und Schlangen, die sich an das Brackwasser angepaßt haben, wäre gefährdet. Die Fruchtbarkeit der Böden nimmt durch die steigende Versalzung ab, geringere landwirtschaftliche Erträge auf einer durch Erosion fortschreitend dezimierten Ackerfläche und die Erschöpfung der Mangrovenvegetation, die diese besondere Biosphäre zusammenhält, wären die Folge. Für die Wissenschaftler sind die Sundarbans die größte ’CO2-Senke’ im südlichem Asien, die als gesundes Ökosystem dazu beitragen können, den Anstieg des klimarelevanten Treibhausgases CO2 zu verringern.

Literarisch kann man das Gezeitenland im Golf von Bengalen als eine Brücke zwischen Natur und Zivilisation, einer Verbindung zwischen Gestern und Heute beschreiben, wie das der Historiker und Sozialanthropologe Amitav Ghosh in seinem Roman Hunger der Gezeiten | amazon | macht. Mit der fortschreitenden Zerstörung der Sundarbans schreibt sich der stetige Entfremdungsprozeß des Menschen von der Natur ganz real mit einem besonderen Kapitel in die Geschichte der ’Zivilisation’. Selbst im Angesicht einer schleichenden ökologischen Katastrophe verfolgt ein zur kritischen Selbstreflexion unfähiger Teil der Gesellschaft sein primitives Bedürfnis nach kurzfristigem Profit. Ein existentielles Korrektiv dieser Entwicklung wird zunehmend von radikaleren Faktoren bestimmt.

“Imagine a journey to the world's largest mangrove gene pool abroad a luxury liner surfing the Internet and yet savouring the beauty of the awe-inspiring Gangetic delta,” all-inclusive mit Besuch der Tiger-, Krokodil- und Landwirtschafts-Reservate. In klimatisierten Internet-Lounges oder bei open-air Gymnastik auf dem Oberdeck der Luxusliner. “Es wird eine lebenslange Erfahrung sein”, verspricht Sundarbancruises. Entfesseln sie das abenteuerliche ICH in ihnen!

Uwe Haack


photos : © 2007 TerraMetrics/Google/shortlist

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