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Rainer Potchul | Gestaltwandel in Ton

Potchul
1 | Sehnsüchtiges Schwein

Märchenzauber, Fabelwesen und fantastische Geschichten verbindet der erwachsene Mensch meist mit der Erinnerung an eine unbeschwerte Kindheit mit heiteren Grenzwelten zwischen Traum und Realität, die im günstigsten Fall durch die von den Eltern vorgelesenen Geschichten angeregt wurden.

Der unmittelbare Spaß der Glückssuche scheint für den Erwachsenen durch gelebte Erfahrungen schwieriger geworden zu sein, obwohl bereits das Kind feststellen muss, dass es für den Moment des Glücks verschiedene Möglichkeiten gibt, und die Wahl oft schwer fällt, da sie eine andere - vielleicht ebenso reizvolle - Wahl ausschliesst.

Potchul
2 | Zärtliche Verschmelzung

Rainer Potchul spielt in seinen Skulpturen mit der Ambivalenz dieser hintergründigen Stimmung, der Sehnsucht nach dem ungelebten Augenblick. Mit subtiler Leichtigkeit gibt er dem ungelebten Schatten eine bezaubernde, dem Betrachter zu zwinkernde, Neugier erweckende Form. Rainer Potchuls beziehungsreiche Parabeln schöpfen aus einer jahrelangen Arbeit als Psychologe, die er vor einiger Zeit beendet hat, deren Erfahrungen und Gedanken er jetzt in die fabelhafte Formensprache und Gestik seiner Skulpturen einfliessen lässt.

‘Rainer Potchul beschäftigt sich thematisch und scheinbar an der Oberfläche mit ‘Fabelwesen’. Bei näherer Betrachtung geht es ihm dabei um Kreaturen in ihrem emotionalen Urzustand. Sie dienen als Metaphern für seelisch-menschliche Grundbefindlichkeiten, für Sinnlichkeit und Sinnenfreude, für Ängste und Sehnsüchte, für Euphorie und Nachdenklichkeit, für Herausforderungen und Bewährungen. Die mimetischen Ausdrucksformen der kreatürlichen Objekte, archaisch und rudimentär umrissen, sind Mittel zum Zweck, sind Repräsentanz und Projektionsfläche seelischer wie geistiger Welten. Sie verweisen auf die jeweiligen Befindlichkeiten, Herausforderungen und Fragestellungen, die den Figuren mitgegeben wurden’, versuchte Paul Hild in der Eröffnungsansprache eine Fährte zu den beziehungsreichen und faszinierenden Fabelwesen unserer ungelebten Innenwelt zu legen.

Potchul
3 | Paar in Spannung

Für Ernst Bloch schien die Sehnsucht die einzige ehrliche Eigenschaft des Menschen zu sein. Tschechows Figuren leiden an unterdrückter Sehnsucht, an ihrer unerfüllten Liebe, an ihrer Zukunftslosigkeit, an der Öde ihres Daseins und ihrer sprachlosen Ichbefangenheit. Die menschliche Seele ist für Tschechow ein tiefer dunkler Wald voller Schmerz und Melancholie. Verleugnete Sehnsüchte und Leidenschaften führen unweigerlich zur Zerstörung der Seele.

Potchul
4 | Wächter und Verführer

Aus dem Schatten als dem bildhaften Begriff für die ungelebten und unbewussten Anteile des Lebens kann auch Rainer Potschul nicht treten. Vielmehr verlagert er den Standpunkt seiner Protagonisten ins Licht. Es scheint paradox zu sein, in einen Wald zu gehen, um sich an einem vermoosten Plätzchen auf den Rücken zu legen. Zwischen den höchsten Baumwipfeln wird man den Himmel sehen, um sich herum unbeachtete Vielfalt im Summen, Knistern und Scharren entdecken können. Die Sehnsucht als Antrieb zu neuen Möglichkeiten voller Farben und Neugier, Märchen und Fabeln. Die funkelnde Dynamik und offene Kommunikation in Potchuls Skulpturen springt direkt auf den Betrachter über, wenn er bereit ist, die fröhliche Einladung aufzunehmen.

Potchul
5 | Aufbruch

Gestaltwandel in Ton
ist der schlichte Titel dieser ersten umfassenden Werkschau, mit spannungsreich komprimierten Beziehungsgeschichten in Werktiteln wie ‘Zärtliche Verschmelzung’, ‘Paar in harmonischer Erstarrung’, ‘Aufbruch’ oder ‘Gegensätzliche Vereinigung’. Feinsinnige Titel, die dem erwachsenen Betrachter einen spielerischen Dialog signalisieren, nichts für Kinder, die im gestreiften Fisch auf Wanderflossen ‘Panama’ sofort eine wundersame Metamorphose ihres Lieblings ‘Nemo’ erkennen. Inmitten aller - nicht omnipräsent, aber deutlich wahrnehmbar - das ‘Sehnsüchtige Schwein’. Trotzt das fragile Paar ‘Wächter und Verführer’ wirklich jedem Sturm?

Potchul
6 | Panama

Eine Ausstellung mit nachdenklichen und heiteren Geschichten für die ganze Familie im besten Sinne, die eine kleine Galerie mitten im Ehrenfelder Leben Kölns zeigt. Rainer Potchuls Arbeiten erinnern auf märchenhafte Weise daran, dass wir in jedem Augenblick frei sind, auf die Zukunft hin zu handeln, die wir uns wünschen. Der erfahrene Psychologe gibt erste Einblicke in seinen künstlerischen Schatz, und macht Mut zur Veränderung, schafft vergnügliche, haptische Inspirationen zum eigenen Gestaltwandel im Leben.
Uwe Haack

Rainer Potchul, Gestaltwandel in Ton
31.05. - 19.06.2008, kunstEfeld Köln DE

:. kunstEfeld

fotos :
Rainer Potchul (1, 2, 4, 5, 6) © 2008
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