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Tschernobyl 20

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Ein Jahrestag zwischen Dosimeter-Tourismus und gepfropftem Kunsthandwerk



Als am 29.April 1986 Bundesinnenminister Zimmermann der bundesdeutschem Bevölkerung via Radio und TV zu vermitteln versuchte, dass sich in der Sowjetunion "offenbar ein ernster Atomunfall ereignet hat", dass es aber keinen Grund zur Besorgnis gäbe, "... denn eine Gefährdung besteht nur im Umkreis von 30 bis 50 Kilometern um den Reaktor herum", hätte allein dieser Medieneinsatz genug Raum für Spekulationen geben dürfen. Mehr als 40 Stunden zuvor war der Block 4 des ukrainischen 'Lenin'-Atomkraftwerkes Tschernobyl explodiert, in den Trümmern der Kraftwerkshalle brannte es, ein GAU zeichnete sich ab. In der real-sozialistischen DDR sprach man von einer 'Havarie', und legte Sonderrationen Obst und Gemüse in die HO-Auslage.

In der täglich möglichen Wiederhohlbarkeit einer Reaktor-Katastrophe, scheint mir die aktuelle Diskussion um die Renaissance einer nicht beherrschbaren Technologie und das Streiten um reale oder vermutete Tote des 'Atomunfalls' eher die sehr spezielle fiktionale Umsetzung eines historischen Stoffes fern meiner Erinnerung zu sein, als die erlebbare Realität des Alltags, eben mit dem Filter einer 20-jährigen Verschleierung des Erlebten; mehr verdrängend als romantisierend.
Andere Sequenzen tauchen in dem alten Film auf: Bilder von Demonstrationen in Brockdorf mit Hubschrauber-Angriffen, verwirrt prügelnden Polizisten ,verkrüppelten Freunden und besonders freundlichen DDR-Grenzorganen bei der Rückreise in die 'Selbständige politische Einheit West-Berlin'.

Der Versuch, Herrschaft auszuüben und immer mehr auszuweiten, ist typisch für den Umgang des Menschen mit seinen Artgenossen und der Natur geworden. Mit der Entwicklung von Hierarchien ging die Naturzerstörung einher - bis zu dem Punkt, an dem wir heute stehen. Der fortschreitende Entzug jeglicher Lebensgrundlage auf diesem Planeten scheint unumkehrbar. Die makabere Frage nach der Wahl zwischem einem irdischem Klima- oder Strahlen-GAU wird findig mit dem 'terraforming' des Mars beantwortet.

Tschernobyl gilt als die 'Größte Katastrophe bei der friedlichen Nutzung der Atomenergie'. Wenige Jahre nach dem Reaktor-Unfall wurde bekannt, dass bereits 1957 im geheimen Militärkombinat Majak im Ural ein Behälter mit 300.000 Litern Plutoniumabfall explodiert war. Die dabei freigesetzte Radioaktivität wird nach unterschiedlichen Quellenangaben mit der doppelten bis sechsfachen Menge des in Tschernobyl freigesetzten Materials angegeben. Im Unterschied zum ukrainischen Störfall wurde das Material aber nur regional verteilt, Meßinstrumente in Skandinavien konnten nicht ausschlagen. Der Unfall in Majak und die Existenz der 70.000-Einwohner-Stadt konnten 30 Jahre geheim gehalten werden; die Zahl der Toten ist unbekannt. Das Licht der Explosion war hundert Kilometer weit zu sehen, und wurde von der regionalen Tageszeitung als ein Nordlicht über der Stadt erklärt. Offiziell wurde die Anlage Majak 2003 geschlossen, allerdings dient sie noch heute als internationales Atomendlager. Der Atommüll aus mehr als 40 Jahren lagert dort zum Teil in offenem Gelände.

20 Jahre nach dem Reaktorbrand in Tschernobyl konnte nach einem geschickt inszenierten gesamtdeutschen 'Atomausstieg' -mit unsicherer Restlaufzeit der AKW-Meiler- zumindest die Umweltbewegung beruhigt werden. Die noch weiterhin strahlende ukrainische 'Todeszone' ist nun Ziel von Extrem-Touristen und grünen Atom-Gegnern. Nach reichlichen Mahlzeiten werden von den kundigen Reiseführern Sicherheit suggerierende Dosimeter für die Foto-Exkursion zum 'Sarkophag' ausgegeben. 200$ pro Tag all inclusive. Die Sperrzone ist, befreit von jeglichem Gegenverkehr, ein limitfreies Raserparadies für jeden, der es sich leisten kann oder will. Kunstgesinnte fahren freiwillig und ohne Stipendium in die lebensfeindliche Zone um radioaktives Material für wohlüberlegte Installationen zu sammeln; ein künstlerisch grobmotorisches Verhaltensmuster. Tarkowskij schickte den Scout Stalker schon vor der Katastrophe in das Ambiente der verbotenen Zone, um ihn in einer existenziellen Parabel agieren zu lassen, die über die vergängliche Sensation dauert. 'Die Zone ist einfach die Zone. Sie ist das Leben, durch das der Mensch hindurch muss, wobei er entweder zugrunde geht oder durchhält.'

Andreas Frank, Holger Hildebrand und Phillip Hofmeister haben 2004 mit Restrisiko ein einstündiges Hörstück aus Original-Tonpassagen zur Reaktorkatastrophe von Tschernobyl produziert. Eine ressourcenextensive Collage, die die Verwirrung darüber, was genau geschehen war, die widersprüchlichen Empfehlungen der staatlichen Stellen zum richtigen Umgang mit der Strahlenwolke und die Verharmlosungskampagne der Atomindustrie skizziert. Die Strategie der instrumentalisierten Information entlarvt sich durch ihre zynische und arrogante Form, damals wie heute.

:: Uwe Haack



:: stream ::

Restrisiko | mp3 30 / 88 MB
:. Tschernobyl 21 | shortlist


:: fotos ::

Ausschnitte aus den Fotoarbeiten
untitled 0, 1986
untitled 20, 2006
CC | Uwe Haack

tags : chernobyl, global warming, nuclear, photography, renewable
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