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TAGEBUCH SCHREIBEN

EIN RITUAL GEGEN DEN SELBSTVERLUST


von Ingeborg Woitsch

Tagebuch schreiben ist anders. Weit mehr als das pflichtgemäße Protokoll der täglichen Ereignisse. Ein modernes kreatives Tagebuch-Konzept arbeitet mit bunten literarischen Schreibtechniken und nutzt poetische Methoden der Katharsis und Reflexion. Der Innenraum eines Tagebuchs wird so ein kreativer Ort des Ich: Lebensentwürfe und Dialoge mit dem inneren Supervisor, Wesentlichkeits-Listen, Perspektivwechsel und intuitives Schreiben finden hier statt. Das intuitive Schreiben lässt uns einfach sein. Indem wir intuitiv-schnell schreiben, ohne innezuhalten, um nachzudenken und zu zensieren, gelangen innerlich weggeschobene Worte und Bilder, egal ob es dann albern, peinlich oder unsinnig klingt, an die Oberfläche des Bewusstseins. Auch das Schreiben mit der schreibungewohnten Hand, lässt andere Seiten in uns zu Wort kommen. Durch solche Schreibanregungen nehmen wir uns 'vollständiger' wahr und wir gestalten allmählich authentischer an unserem Projekt 'Biografie'. Zurückblättern macht das Tagebuch Lebensentwicklungen ablesbar. Eine Besonderheit ist hier das Tagebuch der sieben Jahre, das Einträge für einen Tag in sieben Jahren untereinander verzeichnen lässt. 'Wer bin ich, wenn ich nicht schreibe?', fragt Rose Ausländer in einem ihrer Gedichte. Das kreative Tagebuch ist ein Ich-Instrument und lässt im schnelllebigen Alltag -mit einfachsten Mitteln: Stift und Papier- die eigenen Umrisse und Impulse wieder erscheinen. Heilsam, denn Tagebuch schreiben ist ein Ritual gegen den Selbstverlust.

Jedes Schreiben hat seine Geschichte. Sie schreibe nie, stellt die ältere Frau G. fest, etwas hindere sie regelrecht. Als wir dem nachgehen, stellt sich heraus, dass es dieser Schulaufsatz ist. Als Zwölfjährige, am Tag des Todes ihres Vaters stand ein Deutschaufsatz an. Natürlich passte kein Satz zum anderen und ihr Aufsatzheft schleuderte der aufgebrachte Lehrer schließlich einer Mitschülerin zu, zur Korrektur! Abgesehen von unserem Deutschstunden-Traumata, sind die früh von Eltern entdeckten und unrechterweise gelesenen Tagebücher der Jugend ein Anlass für das innere Verstummen auf lange Zeit. Grund genug mit einem neuen kreativen Tagebuch diesen Innenraum zurück zu erobern. Es ist ein unvergleichlicher Ort für Seelen-Intimität und Ich-Findung.
Schon der Anfang kann anders sein: 'Bloß keine Beschreibung des Tages! Ich entscheide mich für eine Liste -ich mag Listen in jeder Form- und beginne aufzulisten, warum ich gern lebe. Ich kann gar nicht aufhören und habe im Handumdrehen sechs Seiten geschrieben. Sechs Seiten voller Gründe, warum ich das Leben liebe. Dieser Anfang gefällt mir. - Aber schon beim zweiten Eintrag hört es sich wieder so steif an, als schreibe ich für jemand anderen. Ich schreibe hin: 'Stop! - Hier schreibe ich ...'.'

Das kreative Tagebuch konserviert nicht Ereignisse, es bringt uns in Bewegung. Es ist auch kein rein katharsisches Medium, das Erleichterung verschafft, eben, weil man sich etwas von der Seele schreiben kann. Das Tagebuch klärt durch Distanzierung oder Perspektivwechsel. Der Perspektivwechsel im Tagebuch hilft, Ereignisse von einem objektiven Standpunkt aus zu betrachten, indem man über sich selbst in der dritten Person 'sie / er' schreibt oder den Standort einer anderen Figur einnimmt. Als kreatives Arbeitsbuch zu neuen Perspektiven setzt das Tagebuch Kritzelzeichnungen, Briefe und Dialoge, zum Beispiel mit Träumen ein. Dabei zieht es Brücken zwischen unseren Träumen und dem Leben im Wachzustand.
'Nachdem ich dachte, schon länger traumlos zu sein, bemerkte ich mit dem Tagebuchschreiben mit Verwunderung, dass ich jede Nacht manchmal sogar mehrfach träume!', berichtet Frau St. aus ihren neuen Tagebucherfahrungen. Über Traum-Dialoge nimmt sie Kontakt mit ihrer inneren Heilerin auf. Und sie bemerkt erstaunt, dass sie für sie wesentliche Erkenntnisse schon am nächsten Tag teilweise oder ganz vergessen hätte, wären sie nicht im Tagebuch aufgeschrieben und so bewusst wieder wahrnehmbar gewesen.

Schreiben wirkt ich-stärkend. Das Tagebuch ist ein wichtiges Arbeitsmittel -besonders in Krisenzeiten. Es stärkt allein schon durch die strukturierende Regelmäßigkeit des Rituals. Es wird von vielen Menschen als ausgezeichnetes Mittel erlebt, um schwere Lebenserfahrungen wie Krankheit, Trennung oder den Tod eines geliebten Menschen zu bewältigen. 'Als ich die Diagnose Krebs bekam, habe ich erst mal geschrieben, zwei Tage lang, daran hielt ich mich fest', so schildert Frau P. ihren Einstieg ins Schreiben. Ihre Aufzeichnungen aus dieser Zeit sind ihr später wertvoll: 'In den Sätzen erlebe ich heute noch, wer ich eigentlich bin!'

In Turbulenzen hilft das Tagebuch, 'die innere und äußere Biografie' wieder zusammenzubringen. So kann es sein, dass man im Schreiben plötzlich den Punkt trifft und das Gefühl hat, sich selbst verstanden zu haben. Sobald wir unsere Gedanken, Gefühle oder Wünsche nicht mehr nur wahrnehmen, sondern in Worte gefasst haben, werden sie uns auf neue Weise zugänglich- eben auch uns selbst, die wir sie soeben aufgeschrieben haben. Vielleicht entsteht ein Selbst-Erfahrungs-Tagebuch, das wichtige Begegnungen, Therapie-Erfahrungen, Leitsätze und Entscheidungen notiert. Um dem eigenen Glück in Krisen auf die Sprünge zu helfen, empfiehlt sich ein 'Dankbarkeitstagebuch'. Schreiben Sie mindestens einmal wöchentlich auf, wofür Sie sich dankbar fühlen können. Allein die regelmäßige Besinnung auf die Geschenke des Lebens hebt das seelische und körperliche Wohlbefinden.

Direkter als das Tagebuch bewirken die 'Morgenseiten' Seelenhygiene. Sie erspüren tiefer liegende Wünsche, hindernde Glaubenssätze und verschüttete Gefühle. Erfinderin der Morgenseiten ist Julia Cameron. Sie misst 'dem scheinbar sinnlosen Verfahren' so viel Bedeutung bei wie dem Atmen. - Und so wird es gemacht: Sie füllen jeden Morgen drei DIN A4-Seiten -zügig schreibend- mit genau dem, was Ihnen gerade durch den Kopf geht. Sie folgen Ihrem Bewusstseinsstrom. Da ist viel Geröll: 'Oh Gott, schon wieder ein Morgen. Ich habe nichts zu sagen. Ich muss noch die Fenster putzen und in die Werkstatt fahren ...' Aber plötzlich tauchen darunter Goldkörnchen auf! Für dieses Schreiben gilt: Schreib-Prozess - nicht Text-Produkt! Dabei ist es wichtig, die Morgenseiten mit der Hand zu schreiben. Denn das Schreiben mit der Hand ist mehr als nur schreiben. Es heißt zurechtrücken und richtig stellen. Wir kommen unmittelbarer in Berührung mit uns und bewahren uns ein Gefühl für die Richtung, die wir einschlagen wollen.
Tagebücher sind heilige Bücher. Sie rühren an das Mysterium des menschlichen Lebens.

Ingeborg Woitsch, geboren 1963, leitet die Schreibwerkstatt in Berlin u.a. Städten seit 1990. Sie ist tätig in Biografiearbeit und Poesietherapie in der Psychosomatik und in ambulanten Therapien am Gemeinschaftshaus Havelhöhe. Ursprünglich Buchhändlerin mit eigenem Laden, begründete sie 1990 die Künstlerwerkgemeinschaft 'Arche Nova' mit. 1996 erschien ihr Buch 'Bilder des Schicksals', 2000 erhielt sie einen Hörspielpreis, 2004 den Wiener Werkstattpreis. Ab September 2006 bietet sie einen neuen Ausbildungskurs 'Poesietherapie-Schreiben als Heilmittel' in Berlin an.
www.ingeborgwoitsch.de

Der Artikel ist zuerst in a tempo Nr. 81, 09 | 2006 erschienen.
a tempo ist das monatliche Lebensmagazin der Verlage Freies Geistesleben und Urachhaus. www.a-tempo.de
Der Artikel erscheint mit freundlicher Genehmigung von a tempo.
© 2006 Verlag Freies Geistesleben und Urachhaus GmbH

woitsch.amazonBilder des Schicksals: Unsere Zeit drängt danach, die Schicksalssprache der eigenen Biographie verstehen zu lernen. Ingeborg Woitsch zeigt in diesem Buch, dass der Dichter Albert Steffen gerade mit seinen so schwer verständlichen 'kleinen Mythen' eine gemäße künstlerische Form gefunden hat, die es dem Menschen ermöglicht, seinen zu Bildern verdichteten Erlebnissen als objektiv betrachtbaren Schicksalsmomenten gegenüberzutreten. Sie gibt Hinweise wie man sich die Bilder der 'kleinen Mythen' erschließen kann, und berichtet von der künstlerischtherapeutischen Arbeit mit und ausgehend von ihnen.

Ingeborg Woitsch, Bilder des Schicksals
Verlag Freies Geistesleben 1996
242 Seiten, € 18,50 | amazon